Freiwirtschaft

Ein Ausweg gegenüber der vermeintlichen Zwangswahl zwischen

Kapitalismus und Sozialisierung.

von

Philip Pye.

 

Übersetzung aus dem Englischen des im Juniheft 1920 in der Rundschau

„The Nineteenth Century and after“ veröffentlichten Aufsatzes:

 

Free-Economy

An Alternative to Capitalism and Sozialism

 

Freiland-Freigeld-Verlag / Erfurt

1921


Vorwort des Übersetzers.

Durch die ganze Menschheit geht ein starkes Sehnen nach grundlegender Änderung der Dinge, nach einer Ausgestaltung der zwischenstaatlichen Beziehungen, die zu einer wirklichen Verbrüderung der Völker führen könnte. Alle sich noch zeigenden Wirrnisse und Gehässigkeiten dürfen uns an dieser Erkenntnis nicht irre machen.

 

Auf der einen Seite sehen wir die Staatsmänner der früher im Kampfe gegen Deutschland geeinten Länder bemüht, unserem Volke die Lebensbedingungen abzuschneiden und sein Wiederaufkommen nach Möglichkeit zu behindern. Wenn dies von Seiten der Engländer in besonders zielbewusster Weise geschieht, so entspricht dies ganz dem von ihnen seit Jahrhunderten unbeirrt verfolgten Bestreben, die eigene Vormachtstellung gegenüber jedem auftauchenden Nebenbuhler zu verteidigen.

 

Neben diesem von fast jedem Engländer als Selbstverständlichkeit empfundenen Bestreben zeigt sich doch aber auf dem Inselland auch vielfach ein stark ausgeprägter Zug zur Offenherzigkeit und zu billiger Rücksicht auf das Daseinsrecht anderer. Dieses edlere Streben würde in dem Augenblicke die Oberhand gewinne, wo eine allgemein gültige Wirtschaftsform zum Durchbruch käme, die die bisherige Gegensätzlichkeit der Belänge beseitigte und klar erkennbar machte, dass das eigene Gedeihen untrennbar mit dem Wohlergehen auch der anderen Völker verknüpft ist. Die Manchesterschule, die den Freihandel und das freie Spiel der Kräfte verkündete, war auf dem Wege zu jenem Ziele, aber sie hat bei allen Erfolgen im Einzelnen jene menschheitbeglückenden Zustände nicht schaffen können, weil sie versäumt hatte, die Vorrechte zu beseitigen, die der vollen Auswirkung jenes freien Spiels der Kräfte im Wege standen.

 

Die von Silvio Gesell seit 30 Jahren aufgebaute Freiland-Freigeld-Lehre zeigt nun einen einwandfreien Weg, auf dem das Ziel einer ausbeutungsfreien und völkereinigenden Wirtschaftsordnung zu erreichen ist.

 

Die angesehene englische Rundschau „The Nineteenth Century and after“ brachte vor einiger Zeit aus der Feder des zweitweise in der Schweiz lebenden Irländers Philip Pye die nachstehend in Übersetzung wiedergegebene, sehr klare Zusammenfassung der Grundgedanken Silvio Gesell’s. Pye hat sich viel mit volkswirtschaftlichen Forschungen befasst, und er verfügt über einen reichen Schatz an Kenntnissen, namentlich auf dem Gebiete der Währungsfragen.

 

Ein weiterer Beweis für das Eindringen des Freiland-Freigeld-Gedankens in England liegt darin, dass kürzlich die St. Andrews-University in Schottland einem deutschen Schriftsteller und Mitglied des Freiland-Freigeld-Bundes, F. W. Freitag bei einem Preisausschreiben unter 528 Bewerbern den zweiten Preis zuerkannte. Der zu behandelnde Gegenstand lautete: „Der Wiederaufbau der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage geistig sittlicher Wiedergeburt“, wobei Freitag nach einer philosophischen Auseinandersetzung über die Grundlagen des Menschheitsaufstiegs die Freiwirtschaft nach den Lehren Silvio Gesell’s als erste Voraussetzung einer Völkerversöhnung und Lösung der sozialen Frage wissenschaftlich darstellte.

 

Noch weitere Anzeichen ähnlicher Art liegen vor, und es ist auch verständlich, dass die neue Freiwirtschaftslehre in England günstig aufgenommen wird, weil sie dem bei den Angelsachsen besonders stark ausgeprägten Sinn für freie Betätigung des Einzelnen in vollendeter Weise gerecht wird.

 

Auch in Frankreich hat der Freiland-Freigeld-Gedanke Fuß gefasst, und dort wirkt besonders günstig der Umstand, dass Silvio Gesell’s Freiwirtschaftslehre in ihrer Ausgestaltung sich mit besonderem Nachdruck auf Erkenntnisse Proudhon’s berufen konnte, der bereits die schädlichen Nebenwirkungen des Metallgeldes festgestellt hatte, ohne einstweilen den richtigen Weg zu ihrer Beseitigung zu finden.

 

Näheres über die Ausbreitung der neuen Lehre auch in der Schweiz, in Tschecho-Slowakien, Südslawien, Rumänien ist aus den Auslandsberichten der Monatsschrift „Die Freiwirtschaft“ zu ersehen.

 

Unter den früheren politischen Verhältnissen konnte sich der Freiland-Freigeld-Gedanke naturgemäß nur sehr langsam entwickeln. Der Zusammenbruch der alten Gewalten aber hat die Vorbedingung für die Verwirklichung geschaffen, indem er die politische Macht stark zugunsten der bisher ausgebeuteten breiten Volksschichten verschoben hat. Es handelt sich jetzt darum, bei dem Werte schaffenden Teile des Volkes, der ja die erdrückende Mehrheit bildet, die Überzeugung zu wecken, dass in der Freiland-Freigeld-Lehre die erlösende Botschaft, d. h. das Mittel zu einer ausbeutungsfreien Wirtschaftsweise gegeben ist. Starke Kräfte arbeiten mit Hingebung an dieser Aufklärungsarbeit, und es ist die Hoffnung berechtigt, dass das deutsche Volk in seiner Mehrheit sich jene Erkenntnis binnen kurzem zu eigen macht und die geeigneten Männer zu ihrer Durchführung an die Spitze beruft.

 

Zu den bittersten Enttäuschungen sozialistischer Kreise Deutschlands hat es gehört, dass die sogenannte „internationale Solidarität“, das Sicheinsfühlen der Arbeiter aller Länder mit ihren deutschen Kameraden nicht allein im Kriege, sondern auch unter den seitdem eingetretenen veränderten Verhältnissen fast vollständig versagt hat. Der Grund dafür liegt nicht etwa in einem eingetretenen inneren Gesinnungswandel der fremdländischen Sozialisten, sondern darin, dass diese seither vergeblich nach einer großen zielsetzenden Kundgebung der vielgefeierten deutschen Sozialdemokratie ausgeschaut haben, nach jener befreienden Verkündigung, die sie sich ganz hätten zu eigen machen können. Die auf die Marx’schen Lehren eingeschworenen deutschen Führer haben hier versagt und bisher trotz ihrer ausschlaggebenden Stellung keine gegen früher erkennbar besseren Zustände zu schaffen verstanden. Denn die eingetretenen Erleichterungen werden durch gegenüberstehende Erschwernisse ausgeglichen. Nun wachsen erfreulicherweise die Anzeichen, dass der Druck der Massen auch die seither zögernden Führer zur Annahme der Freiland-Freigeld-Lehre bewegen wird. Sobald das geschieht, wird die Zerrissenheit in unserem Volke aufhören, die auf die eigene Arbeit vertrauenden, jede Ausbeutung des Mitmenschen ablehnenden Kräfte aller Richtungen werden sich zu der bisher entbehrten Einheitsfront zusammenschließen. Damit wird der Zeitpunkt zu einer friedlichen Verständigung auch mit den andern Ländern kommen, der Eintritt in das Zeitalter der Völkerverbrüderung eröffnet sein. Der Bürgerfriede ist die Vorstufe und Vorbedingung des Völkerfriedens.

R. G.

Mai 1921.


Zwecks nachstehender Ausführungen ist die Darstellung einer neuen Wirtschaftslehre, die nach Ansicht einer Gruppe von schweizerischen und deutschen Volkswirtschaftlern bestimmt ist, den Kampf zwischen Geldherrschaft und Sozialismus zum Abschluss zu bringen und die Grundlage für eine endgültige Lösung der sozialen Frage zu bilden.

 

„Freiwirtschaft“ ist die Lebensarbeit Silvio Gesell’s, eines Kaufmanns und volkswirtschaftlichen Forschers, eines Denkers, geboren 1862 in St. Vith, im Kreise Malmedy an der deutsch-belgischen Grenze als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter.

 

Für Gesell, wie für die meisten Menschen, ist unter sozialer Gerechtigkeit zu verstehen, dass, wer arbeitet, einen seiner Arbeit angepassten Lohn erhalten soll. Soziale Gerechtigkeit erfordert deshalb den Wettbewerb, der die Sicherheit dafür bietet, dass der größte Lohn dem Tüchtigsten zufällt. Der Wettkampf ist Bedingung für den Aufstieg der Gattung, wie auch des Einzelmenschen. Die von Gesell gegen die Sozialisierung, gegen die Ausschaltung des Wettstreites und des Unternehmungsgeistes des Einzelmenschen vorgebrachten Beweise, auf Beobachtung der äußeren Lebenserscheinungen wie des inneren Seelenlebens beruhend, sind überwältigend. (Genossenschaftswesen und Syndikalismus sind besondere Ausgestaltungen des Sozialismus und unterliegen den gleichen Einwänden, ausgenommen, wo es sich um kleine Kreise von Menschen mit ungewöhnlich stark entwickelten kommunistischen Trieben handelt.)

 

Doch ist das jetzt herrschende kapitalistische Gefüge nicht auf wahrhaftem Wettstreit aufgebaut: in ihm hört bis zu einem gewissen Grade der Wettkampf auf. Diejenigen, die einmal Kapital, d. h. zinstragendes Eigentum besitzen, sind von der Notwendigkeit des Wettstreites befreit, da ihr Einkommen ihnen ohne Arbeit zufließt. Das unverdiente Einkommen des nicht arbeitenden Kapitalisten, des Zinsempfängers, geht von dem Lohn der Arbeiter ab. Dies aber ist Ausbeutung, kein wahrhafter Wettkampf. Die mit geliehenem Geld arbeitenden Unternehmer, Kaufleute, Handwerker, die Beamten, Lohnarbeiter usw. sind Arbeiter. Wer Zins von ausgeliehenem Geld oder verpachtetem Land bezieht, ist Kapitalist.

 

Viele glauben, dass, da der Zinsfuß 5 % beträgt, die Arbeiter auch nur 5 % ihres Jahresverdienstes abgeben, was ja einen geringen Preis bedeuten würde für den Vorteil, der darin liegt, dass die Unternehmer mit Hilfe des geborgten Geldes das wirtschaftliche Leben freier und kräftiger entfalten können. Demgegenüber ist zu beachten, dass die Zinsabgabe von 5 % auf eine große Summe erhoben wird, dass in Wirklichkeit ziemlich der halbe Jahresverdienst der Arbeiter in die Tasche der Kapitalisten fließt. In der Schweiz z. B. wird das ganze Jahreseinkommen auf 4000 Millionen Franken geschätzt, und das schweizerische Einkommen aus Zins (und Grundrente) auf 2000 Millionen Franken, sodass 2000 Millionen Franken für die Arbeiter übrig bleiben[1]. Danach besteht das Jahreseinkommen in der Schweiz zur Hälfte aus Zins, es ist unverdientes Einkommen. Das Gleiche gilt von jedem höher entwickelten Lande, und die Verteilung des Jahreinkommens stellt sich etwa wie folgt dar: Unternehmer 2 %; Kaufleute 17 %, Lohnarbeiter im weitesten Sinne 31 %; nicht arbeitende Kapitalisten 50 %. Ohne die Zinsabgabe würden alle arbeitenden Volksschichten, die Unternehmer eingeschlossen, das Doppelte ihres jetzigen Einkommens erhalten.

 

Die Zinsabgabe bedeutet, dass 5 % des Wertes jeder Eisenbahnlinie, Brücke, Telegraphenstange, jedes bebauten Feldes, Hafens usw., gleichviel welchen Landes, Jahr für Jahr durch die Hände von Nichtarbeitern gehen, dass die Arbeiter alle 20 Jahre den Besitzstand ihres Landes neu schaffen müssen. Dergestalt bebürdet, kann die wirtschaftliche Schaffenskraft des Neuzeitmenschen nie zu voller Entfaltung kommen; die Vorteile, die alle Menschen aus der zunehmenden Arbeitsteilung, aus den verbesserten Arbeitsverfahren ziehen sollten, fließen den Beziehern des arbeitslosen Einkommens zu.

 

Die Zinswirtschaft hemmt die wirtschaftliche Entwicklung auch noch in anderer Richtung. Alle Arten nutzbringender Unternehmungen, wie Ausbau der Verkehrsmittel, Bodenverbesserungen, Aufforstungen, Wohnungsbau usw., die bei einem Zinsfuß von 5 % nicht ausgeführt werden können, würden möglich werden, wenn das dazu nötige Geld zu 4, 3, 2 % erhältlich wäre. In seiner großen „Geschichte der Preisentwicklung“ führt Tooke die zeitweilige ungeheure Entfaltung der englischen Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf den damals vorherrschenden niedrigen Zinsfuß zurück.

 

Gesells Reformen bezwecken die Beseitigung des Zinses. Um die eine Quelle des Zinses, die Privatgrundrente, zu verstopfen, schlägt Gesell den Übergang von Grund und Boden in Staatseigentum vor und die Verpachtung der Ländereien auf dem Wege öffentlicher Versteigerung. Gesell weist nach, dass zur Durchführung dieser einzig möglichen dauernden Lösung der Bodenbesitzfrage zwei Wege offen stehen: 1. Die Enteignung der Grundeigentümer ohne Entschädigung, wie es die Physiokraten und die Bodenreform von Henry George verlangen; dies würde zum Bürgerkrieg führen; 2. Entschädigung der Grundbesitzer, wobei der finanzielle Teil der Bodenbesitzfrage einstweilen unberührt bleibt, da der Staat die Einnahmen aus der Grundrente für die Verzinsung des Ankaufsgeldes wieder würde ausgeben müssen.

 

Gesell vertritt diese zweite Lösung und schlägt vor, dass den Eigentümern der volle Marktpreis ihres Landes ausbezahlt werde und zwar in Staatspapieren, deren Kurs durch Anpassung an den jeweiligen Zinsfuß auf dem Gleichstand (pari) erhalten werden soll. (Neigt der Kurs der Staatspapiere dazu, unter pari zu fallen, so wird der Zinsfuß erhöht; zeigt er Neigung, über jenen Gleichstand zu steigen, so wird der Zinsfuß herabgesetzt.)

 

Mit Gesells zweiter Reform, dem „Freigeld“, beginnt, wie wir später sehen werden, der allgemeine Zinsfuß zu fallen. Der Staat ermäßigt deshalb den Zinsfuß auf jene Grundbesitzablösungsscheine, um sie auf dem Paristand zu erhalten, und damit beginnt der Gewinn des Staates aus der Bodenbesitzreform, da die Grundrente ihre Höhe beibehält. Fällt der allgemeine Zinsfuß auf Null, so fällt die Grundrente der gesamten Bodenfläche dem Staate als reine Einnahme zu. Gesell schlägt vor, diese Einnahme, die ausreichend wäre, um in Friedenszeiten alle Steuern zu zahlen, gleichmäßig (als Mütterrente) an die ganze Bevölkerung zu verteilen.

 

Der Erfolg von Gesells „Freiland“-Reformvorschlägen hängt also ab vom Erfolg seines Angriffs auf die zweite Quelle des Zinses, des Zinses auf geborgtes Geld.

 

Die meisten Volkswirtschaftler, vornehmlich die der Manchesterschule, stellten die Frage auf, warum in einem reichen Lande, wo viel gespart wird, der Zins nicht nach und nach von selbst verschwindet. Es müsse doch vernünftigerweise erwartet werden, dass der Zinsfuß umso niedriger werden müsste, je mehr Geld gespart und als Darlehen angeboten würde. Indessen geht der Zinsfuß nicht zurück, selbst nicht in reichen Ländern. Sind denn Darlehen den Gesetzen von Nachfrage und Angebot nicht unterworfen? Gesell beantwortet diese Frage, indem er eine neue Zinstheorie aufstellt. Den Ursprung des Zinses weist er in einem Mangel unseres herkömmlichen Geldes nach. Geld, als das Tauschmittel, auf dem menschliche Gesittung und Fortschritt beruhen, lässt sich als Sparmittel gebrauchen. Die Zinsforderung wird ermöglicht durch die Tatsache, dass das Geld folgende Vorzüge über jede andere Art von Ware hat: es verändert sich nicht, und es kann ohne Kosten aufbewahrt werden. Wer mit überschüssigem Geld den Markt betritt (nicht wer unmittelbar Waren zum Verbrauch benötigt) kann warten. Der Erzeuger kann nicht warten, er muss sein dem Verderben ausgesetztes Erzeugnis an den Mann bringen – daher sein Verlangen nach Geld. Zins ist eine Abgabe dafür, dass das Geld, das unentbehrliche Tauschmittel, im Umlauf erhalten wird. Leihgeld unterliegt natürlich den Gesetzen von Nachfrage und Angebot, aber nicht alles gesparte Geld wird als Darlehen angeboten, wenn der Zinsfuß zu fallen beginnt; mehr und mehr wird davon aufgespeichert.

 

Die erste Maßnahme zur Beseitigung des Zinses besteht darin, den Missbrauch des Geldes zu Sparzwecken unmöglich zu machen. Wir werden später sehen, dass Gesells „Freigeld“ diese Bedingung erfüllt.

 

Indessen gibt es noch eine andere Ursache, weshalb der Zins nicht von selbst verschwindet. Wirtschaftliche Blütezeit, die das Sparen ermöglichen, dauern niemals lange genug, um den Zinsfuß merklich zu senken; sie werden stets unterbrochen durch Streiks, Aussperrungen, oder auch, was noch wichtiger ist, durch die geheimnisvollen allgemeinen Wirtschaftskrisen, die, etwa in jedem Jahrzehnt einmal auftretend, Zusammenbrüche bei den Unternehmern und Arbeitslosigkeit bei den Arbeitern herbeiführen. Die Grundbedingung der sozialen Reform, der Abschaffung des arbeitslosen Einkommens, ist also ungehemmte Arbeit. Unternehmer (nicht Kapitalisten) und Lohnarbeiter haben gemeinsame Belänge, sie leiden gleicherweise unter Streiks und sozialer Unruhe – und dies ist einer der vielen Punkte, in denen Gesell zu Karl Marx in geradem Gegensatz steht.

 

Gesell beweist mit Klarheit, dass allgemeine Wirtschaftskrisen durch Preisrückgänge verursacht werden. Hohe Arbeitslöhne und hohe Rohstoffpreise zahlen, und dann die damit erzeugte Ware unter Einwand verkaufen zu müssen, bedeutet für den Unternehmer den Zusammenbruch, den Bankrott; kein Kaufmann kauft Waren zu Preisen, bei denen er voraussieht, dass er das Gekaufte später mit Verlust wird verkaufen müssen; die Verbraucher aber werden ihre Einkäufe verschieben, wenn sie Aussicht haben, später billiger zu kaufen. Fallende Preise bedeuten Lahmlegung des Wirtschaftslebens.

 

Dazu kommt folgendes: Das Wirtschaftsleben beruht auf unzähligen Geldverträgen zwischen Schuldner und Gläubiger; fallen die Preise, so sind alle Verträge zum Schaden des Schuldner verändert. Geht der allgemeine Preisstand zurück, so muss ein Pächter, um die feststehende Pachtsumme zu bezahlen, einen größeren Teil seiner Ernte verkaufen. Der die Grundrente einziehende Grundeigentümer hat, wie alle Gläubiger, den Vorteil davon, da die Kaufkraft des Geldes größer wurde.

 

Der größte aller Schuldner ist der Staat, d. h. in diesem Zusammenhang die Gesamtheit der Steuerzahler, die die Zinsen der Staatsschuld zu zahlen haben. Bei sinkenden Preisen bleibt die Zinslast der Staatsschuld und der zu ihrer Zahlung erforderliche Steuerbetrag unverändert, aber die Bürde wird für den Steuerzahler größer. Der Erzeuger, z. B. der schon erwähnte Landwirt, muss einen steigend großen Teil seiner Ernte dazu verwenden, um seine Steuern zu bezahlen. Diejenigen, denen die Zinsen der Staatsschuld bezahlt werden, die Empfänger arbeitlosen Einkommens, gewinnen durch den Rückgang der Preise.

 

Die Wirkung eines Rückgangs im allgemeinen Preisstand war von Hume und den Bimetallisten richtig erfasst worden; es wurde auch von Mill und anderen englischen Volkswirten, wenn auch nicht nachdrücklich genug, darauf hingewiesen. Nie jedoch ist die Gefahr mit solcher Klarheit dargelegt worden, wie in den Gesellschen Schriften, und dringend nötig sind die Warnungsrufe, die er während der letzten Jahrzehnte wiederholt erlassen hat. Bei der durch die Kriegsanleihen verursachten gegenwärtigen Zinsenlast würde ein allgemeiner Preisrückgang Revolution bedeuten, auch abgesehen von der lähmenden Wirkung auf Handel und Gewerbe. Und doch spricht man vom „Abbau der Preise“ (Deflation) oder von einer „Rückkehr zur Goldwährung“; was gleichbedeutend wäre mit einer Rückkehr zu Vorkriegspreisen[2]. Der vorläufige Bericht des Währungsausschusses (1918) scheint den Preisabbau zu befürworten, und die hervorragenden Finanzmänner, die im Januar 1920 in Amsterdam zusammenkamen, treten entschieden für diesen Abbau ein.

 

Bedeutet jedoch ein allgemeiner Preisrückgang eine Wirtschaftskrise, so ist andrerseits ein Steigen der Preise kaum weniger gefährlich, obschon dadurch das Wirtschaftsleben angeregt wird. Ein Preisaufstieg bedeutet gleichfalls die Fälschung aller Verträge zwischen Schuldner und Gläubiger, doch ist in diesem Falle der Gläubiger der Geschädigte. Versicherungsverträge zeigen dies in einfacher Weise. Irgendjemand schließt für seine alten Tage für eine bestimmte Summe einen Versicherungsvertrag ab. Wenn ihm die Summe ausbezahlt wird, haben sich die Preise, sagen wir einmal auf das Dreifache, erhöht (was gegenwärtig für die meisten europäischen Länder eine viel zu geringe Schätzung ist.) Er kann also mit dieser Summe oder den Zinsen darauf nur ein Drittel der Waren und Dienste, auf die er ein Anrecht hatte, erhalten.

 

Wären die Preise unverändert geblieben, die Versicherungsgesellschaft aber hätte Bankrott gemacht und aufs Pfund Sterling nur 6 s. 8 d. (also 1/3) bezahlt, so würde seine Schädigung auch nicht größer gewesen sein.

 

Noch bedeutungsvoller ist, dass eine Preissteigerung alle Verträge zwischen Unternehmer und Lohnarbeiter zum Schaden der Arbeiter verwirrt, da diese fortgesetzt um höhere Löhne kämpfen müssen, wegen der stetig sinkenden Kaufkraft des Geldes, das sie erhalten. Um ihren wirklichen Lohn auf gleicher Höhe zu erhalten, müssen sie fortgesetzt auf den Nennwert ihrer Bezüge Zulagen erlangen. Aus diesem Grund sind Zeiten steigender Preise, z. B. das 16. Jahrhundert, stets auch Zeiten sozialer Unrast gewesen. Gegenwärtig bemühen sich in ganz Europa die Regierungen, mit Gewalt die Streiks und Unruhen niederzuhalten, die sie mit ihrer Inflations-Politik verursachen.

 

Die Ursache des allgemeinen Steigen oder Fallens der Preise wird durch das Mengegesetz des Geldes (Quantitätstheorie) erklärt. Nimmt das umlaufende Geld (oder seine Umlaufsgeschwindigkeit) im Verhältnis zu der zum Verkauf stehenden Gesamtwarenmenge zu, so steigen die Preise. Umgekehrt fallen die Preise, wenn die umlaufende Geldmenge (oder ihre Umlaufsgeschwindigkeit) im Vergleich zur angebotenen Warenmenge abnimmt[3]. Wenn bei gleichbleibendem Warentausch und unveränderter Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes eine Regierung den Notenumlauf vermehrt, so steigen die Preise; zieht sie Noten zurück, so fallen die Preise.

 

Nachstehende Kurven veranschaulichen das Mengegesetz des Geldes; sie zeigen den Zusammenhang zwischen dem Notenumlauf der Schweizer Nationalbank und dem allgemeinen Preisstand in der Schweiz während der Jahre 1914 – 1920.

 

Zu beachten ist, dass die Hebung des allgemeinen Preisstandes der verstärkten Notenausgabe mit einem Zwischenraum von einigen Monaten folgt. Dieser Umstand widerlegt die oftmals von Regierungen, die Inflationspolitik betreiben, vorgebrachte falsche Behauptung, die vermehrte Notenausgabe sei Folge, nicht Ursache der Inflation, – die Behauptung also, es sei mehr Geld nötig, um den Warenaustausch bei dem höher gewordenen Preisstand zu vollführen.

 

Wer also, wie die Leiter der Schweizer Nationalbank, glaubt, der Wert des Geldes hänge nicht von dessen umlaufender Menge ab, sondern von dem Stoff, aus dem es gemacht sei, oder dessen Platzhalter es darstelle, wird es schwer haben, eine Aufklärung dafür zu geben, warum überhaupt die Preise in der Schweiz gestiegen sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fast jeder große geschichtliche Vorgang lässt sich zur Veranschaulichung der Quantitätslehre des Geldes verwenden. Die alten Kulturstaaten von Babylon bis Rom stiegen und sanken mit der für den Güteraustausch, für die Arbeitsteilung, verfügbaren Menge von Edelmetall. Während des Mittelalters verminderte sich der Bestand an Edelmetall, das bis zur Erfindung der Buchdruckpresse die einzig mögliche Geldform darstellte, die Preise fielen, das Wirtschaftsleben erstarb. Die erste Spur der Renaissance zeigte sich unter der Herrschaft von Fürsten, die aus selbstsüchtigen Gründen den Geldumlauf durch gemeine Falschmünzerei erhöhten. Das Leben der Neuzeit beginnt mit der Einfuhr von Gold und Silber aus Amerika. Die Geschichte ist eine Kette von Tatversuchen mit der Quantitätslehre des Geldes.

 

Unser herkömmliches Geldwesen, mit Einschluss seiner höchsten Form, der Goldwährung, versucht in keiner Weise einen festen Allgemeinstand der Preise durch Anpassung der umlaufenden Geldmenge an die Menge der zum Tausch gestellten Güter herbeizuführen, wie doch die einfache Ableitung von der Quantitätstheorie des Geldes als nötig ergibt.

 

Infolgedessen wechselt fortgesetzt der allgemeine Warenpreisstand entsprechend der jeweils zum Verkauf stehenden Warenmenge (die von dem Ernteausfall, von Krieg, Bevölkerungszunahme, verbesserten Arbeitsverfahren usw. abhängig ist), entsprechend auch der willkürlich vermehrten oder verringerten Menge umlaufenden Geldes.

 

Die roheste Form der Preisermittlung, die „Inderzahlen“, beruhend auf der zusammengerechneten und von Zeit zu Zeit verglichenen Preisfeststellung von 20 bis 25 Gattungen von Stapelwaren, weist für sich allein schon große Schwankungen des allgemeinen Preisstandes unter der Herrschaft der Goldwährung auf. Die Geschichte der Volkswirtschaft bedeutet unter der Goldwährung (oder irgendeiner anderen Metallwährung oder willkürlichen Papiergeldwährung) einen steten Wechsel von Antrieb, (steigenden Preisen) und Niedergang, Krise (fallenden Preisen). Ungenügende Goldförderung und vermehrter Goldverbrauch durch die Goldschmiede bewirkten einen Preisfall von 30 % und ständiges Darniederliegen des Handels im Zeitraum 1874 – 1890. Vermehrte Goldförderung in Südafrika und größere Sparsamkeit im Goldverbrauch erzeugten in den 10 Jahren vor dem Kriege eine jährliche Preissteigerung von 1,6%. Diese Preissteigerung erzeugte die vor dem Kriege in England sich zeigende soziale Unrast, wie eine Reihe von Aufsätzen in der „Times“ von 1912 nachweist. Die Einführung der Goldwährung in England 1816 und in Deutschland 1873 bewirkte eine Preisrückgang und eine schwere wirtschaftliche Erschütterung. Mit Vorbedacht ausgeführte Goldaufspeicherung durch die Pierpont Morganschen Banken führte zur großen Krise von 1907. Die wirtschaftliche Stetigkeit der übrigen Welt wird ständig bedroht durch die Verwendung des Goldes zu Prunkzwecken in Indien (in Wirklichkeit eine andere Art der Aufspeicherung) und durch die mögliche Annahme der Goldwährung durch neue Länder (China).

 

Selbstverständlich ergeben sich immer Preisschwankungen für einzelne Warengattungen, doch heben sich diese nach dem Gesetze der großen Zahlen gegenseitig auf. Ein Steigen oder Sinken im allgemeinen Preisstand aber bedeutet einen Fehler in der Goldwährung: bei einer wirksamen Währung würde der allgemeine Preisstand sich nie ändern, die Kaufkraft des Geldes würde für den Durchschnitt aller Warengattungen sich immer gleich bleiben.

 

Eine bestimmte Gewichtsmenge Goldes von bestimmtem Feingehalt als Geldmaßstab verwenden zu wollen, bedeutet nach Prof. Shield Nicholson[4], einem bedeutenden Fachmann, fast dasselbe, als wenn man zum Beschaffen eines Längenmaßstabes „für eine Mark Quecksilber in eine Normal-Glasröhre einschlösse und diese zur Mittagszeit an einer Normalsonnenuhr auf jedem Marktplatze anbringen wollte“. Nach der Meinung des größten unter den lebenden Volkswirtschaftlern[5] „können Edelmetalle keinen festen Wertmaßstab abgeben“.

 

Gesell begnügt sich nicht damit, diese Wahrheiten einfach anzuführen, sondern er schlägt vor, eine Papierwährung einzuführen und den allgemeinen Preisstand dadurch festzulegen, dass Noten ausgegeben werden, sobald die Preise Neigung zum Sinken zeigen, und Noten zurückziehen, wenn die Preise zum Heraufgehen neigen. Das „Geldwährungsamt“ für die Regulierung des Notenumlaufs wäre an diesen bestimmten wissenschaftlichen Grundsatz und an die amtlichen Preisermittlungen gebunden. Diese bedürfen einer größeren Genauigkeit, als durch die Inderzahlen gegeben ist. Wer sich über die Schwierigkeiten einer solchen Statistik und über die Art der Überwindung unterrichten will, sei auf Gesells Werke verwiesen.[6]

 

Mit dieser „absoluten“ Geldwährung würden die Preise weder fallen und damit allgemeine Wirtschaftskrisen herbeiführen, noch auch steigen und im Zusammenhang damit Streiks und soziale Unrast erzeugen; Geldverträge würden wieder Sicherheit verleihen, der Handel würde vereinfacht werden, die Gütererzeugung würde sich in stetiger Weise entwickeln. Der Wohlstand würde also zunehmen, es würde also mehr Geld gespart und als Darlehen angeboten werden, der Zinsfuß würde abwärts gehen und damit sich eine neue Ursache des Wohlstandes ergeben.

 

Die Verringerung des Zinsfußes würde jedoch mit der Zeit eine Gefahr einschließen, die Gesell vorhergesehen und gegen die er einen Schutz aufgestellt hat. Die Gefahr liegt nicht, wie viele Volkswirte mit außergewöhnlichem Mangel an Verständnis für menschliche Beweggründe behaupten, darin, dass bei sinkendem Zinsfuß der Spartrieb ungenügend werden würde. Jedoch würde bei sinkendem Zinsfuß der Antrieb, die Ersparnisse zur Bank zu bringen, sich verringern – die Ersparnisse würden gehamstert werden. Das Zinsverbot der katholischen Kirche brachte im Mittelalter das Wirtschaftsleben zum Stillstand, das Geld wurde nicht mehr ausgeliehen, sondern vergraben. Dieselben Schwierigkeiten treten gegenwärtig, wenn auch im geringerem Maße, in Indien und in moslemitischen Ländern auf. Das gehamsterte Geld würde durch neu auszugebende Noten zu ersetzen sein, andernfalls würden die Preise fallen, was dem Grundsatz der absoluten Währung widerstreitet. Dieses Ausgeben und Hamstern von Noten würde sich immer wiederholen, bis sich eine ungeheure Ansammlung von Noten ergäbe.

 

Der geringste Zweifel an der Sicherheit dieses Geldsystems würde diese Geldmasse plötzlich auf den Markt werfen und eine so große Preissteigerung erzeugen, dass sie durch das Zurückziehen von Noten nicht würde beherrscht werden können.[7]

 

Wir ziehen daraus den Schluss, dass es keine stetige Geldwährung geben kann, solange Geld zu Sparzwecken gebraucht werden kann. Wir zeigten bereits, dass, wenn der Zins verschwinden soll, der Gebrauch des Geldes zu Sparzwecken aufhören müsse.

 

Gesells Erfindung, das Freigeld, macht das Hamstern von Geld unmöglich. Das Freigeld besteht aus Noten, die um einen bestimmten Betrag, und zwar um ein Tausendstel wöchentlich, an Wert abnehmen, also um rund 5 % jährlich, und zwar auf Kosten der Inhaber der Scheine, die die Werteinbuße durch Aufkleben einer Marke auf der Rückseite des Scheines allwöchentlich zu ergänzen haben. So würde der Inhaber der nachstehend abgebildeten 4 Pfundnote z. B. an jedem Sonnabend eine Pennymarke aufzukleben haben; er würde, wenn er die Note ein Jahr lang behielte, 52 Pence oder rund 5,4 % an ihrem Werte verlieren. Derartiges Geld lässt sich offenbar nicht hamstern.

So sieht eine bis zum 11. August gestempelte 4 Pfundnote aus. Freigeld könnte in Scheinen zu 1 und 5 Schilling, zu 1, 2, 4, 8, 10 Pfund ausgegeben werden; ferner in 1/8, ¼, ½, 1 und 2 Penny-Marken als Kleingeld und zum Stempeln der Noten. Es wurden noch manche andere Verfahren vorgeschlagen zur Vornahme der Wertverminderung. Das zweckmäßigste Verfahren würde sich alsbald in der Praxis herausbilden.

 

Freigeld muss sofort gegen Waren weitergegeben oder, wenn überschüssig, zur Bank gebracht werden. Die Banken müssen ihrerseits das Geld in Unternehmungen anlegen, niemand kann hohen Zins erzwingen, indem er Geld vom Umlauf zurückhält. Das Angebot von Leihgeld nimmt zu, und das unter der stetigen Währung natürliche Sinken des Zinsfußes wird beschleunigt. Wird die Freiwirtschaft von vielen Ländern eingeführt, so würden nach Gesells Schätzung 20 Jahre ununterbrochener Arbeit den Zinsfuß auf Null senken. Auch ein einzelnes Land kann die Freiwirtschaft bei sich einführen und genießt alsdann den Vorzug größerer Stetigkeit des Geldwertes und den des Wegfalls von Wirtschaftskrisen. Der Zinsfuß kann jedoch in diesem Falle nicht auf Null sinken, wegen der dann einsetzenden Kapitalabwanderung; der Zinsfuß kann nicht viel unter dem Stand in anderen Ländern bleiben. Kapitalabwanderung, die infolge fallenden Zinsfußes entsteht, ist jedoch etwas anderes als eine durch Papiergeldflut oder soziale Unrast hervorgebrachte Kapitalabwanderung – sie ist ein Zeichen gefestigten und zunehmenden Wohlstandes, ein Beweis, dass das betreffende Land, ähnlich England und den Vereinigten Staaten, ein Gläubigerland wurde.

 

Doch besteht Gesell darauf, dass das Zinsproblem, im Gegensatz zum Geldwährungsproblem, ein internationales Problem sei. Kein Land kann für sich allein den Zins beseitigen.

 

Die Stetigkeit des Internationalen Wechselkurses ist ein weiteres Problem, das sich nur durch zwischenstaatliche Vereinbarung lösen lässt. Die Wechselkurse sind abhängig vom Preisstand in den verschiedenen Ländern. Steigen die Preise in dem einen Lande, so kaufen dessen Kaufleute auswärts – daher dann die passive Handels- und Zahlungsbilanz, das Fallen der Kurse. Zur Befestigung der Wechselkurse ist nur ein internationales Zahlungsmittel nötig, das zum Bezahlen des Passivums in der Handelsbilanz dienen kann. Dies entzieht dem Umlauf Geld in dem betreffenden Lande, senkt damit dort den Preisstand und vermehrt den Geldumlauf der anderen Länder, dort den Preisstand erhöhend. Der Ausgleich in der Handelsbilanz und die Festigung der Kurse vollziehen sich selbsttätig. Das Gold erfüllte jene Aufgabe bisher zwischen den Ländern, die die Goldwährung angenommen hatte und könnte auch unter der Freiwirtschaft für Auslandszahlungen dienen, doch empfiehlt Gesell an Stelle des Goldes den Gebrauch von eigens zu dem Zweck auszugebenden Noten einer einzigen Stückelung für den Verkehr der beteiligten Staaten bis zur Höhe von 10 – 20 % ihrer nationalen Notenausgaben – ein Vorschlag, der große Vorteile in praktischer Hinsicht hat und eine weit genauere Festigung der Wechselkurse erlaubt.[8]

 

Gesell umriss seine Reform in seiner ersten Schrift „Die Brücke zum sozialen Staat“, gedruckt in Argentinien im Jahre 1891, und er hat seitdem immer wieder von Zeit zu Zeit über den gleichen Gegenstand geschrieben.[9] Das grundlegende Werk der Freiwirtschaft ist seine „Natürliche Wirtschaftsordnung“, erste Auflage 1916, vierte Auflage 1920, ein Buch, das einen Markstein in der Wissenschaft des Geldwesens bilden wird. Gesells Theorie ist von Dr. Christen in Bern[10] in mathematische Formeln gebracht worden, und viel weitere Arbeit über den Gegenstand ist von anderen Schriftstellern Deutschlands und der Schweiz geleistet worden.[11]

 

Der freiwirtschaftliche Gedanke macht Fortschritte in Deutschland, Rumänien, Argentinien. Sein schnelles Fortschreiten in der Schweiz eröffnet dort die Aussicht auf ein baldiges großes politisches Ergebnis. Außerhalb dieser Länder ist die Freiwirtschaft noch unbekannt.[12]

Philip Pye.



[1] Pflüger, Schweizer Statistisches Jahrbuch. Die Angaben dienen zur Veranschaulichung; genaue Ermittlungen sind nicht verfügbar. Die Schätzung der Zinseinkünfte ist wahrscheinlich zu niedrig.

[2] Eine geänderte Goldwährung, beruhend auf einer neuen Preissteigerung für das Gold, entsprechend dem jetzigen allgemeinen Warenpreisstand in jedem Lande, könnte ohne weiteres unbedenklich angenommen werden, wenn die Regierungen sich entschließen könnten:

a)       die Ausgabe neuen Papiergeldes einzustellen.

b)       auf den Gedanken einer Rückkehr zu Vorkriegspreisen zu verzichten.

Eine plötzliche Rückkehr zu Vorkriegspreisen würde einem plötzlichen Preissturz, einem unmittelbaren wirtschaftlichen Zusammenbruch gleichkommen; schrittweise vorgenommen, würde jene Rückkehr ein allmähliches Lahmlegen des Wirtschaftslebens, in schärferer Form eine Wiederholung des Druckes bedeuten, der 1874 – 1890 herrschte. Eine geänderte Goldwährung, wiewohl weit weniger wirksam als die Gesellsche Reform, würde der jetzigen Papiergeldflut bei weitem vorzuziehen sein.

[3] In einer Gesamtdarstellung des Mengengesetzes (der Quantitätstheorie) des Geldes muss auch die Einwirkung der im Kreditwege ausgetauschten Waren auf die Preisgestaltung berücksichtigt werden.

[4] Geld und Geldprobleme, 6 Aufl. S. 313.

[5] Prof. Marshall, Contemporary Review, März 1887, und an anderen Stellen.

[6] Gesell „Natürliche Wirtschaftsordnung“, 4. Aufl. S. 155 – 162. – Vergl. Auch: Dr. Christen „Die Durchführung der absoluten Währung“ Freiland-Freigeld-Verlag

[7] Ein amerikanischer Fachmann in Geldwährungsfragen, Irving Fisher (Die Kaufkraft des Geldes, 1911; Die Wertsteigerung des Dollars, 1920), der für die absolute Währung eintritt, übersah diese Schwierigkeit. Ohne das Gesellsche Freigeld ist die absolute Währung unmöglich.

[8] Die Schrift des Schweizer Freiland-Freigeld-Bundes (eine Vereinigung von Schweizer Volkswirten, die die Gesellsche Theorie studieren und volkstümlich machen) über die Valuta ist in der Schweiz bekannt und geschätzt. Die schweizerische Regierung lud den Vorsitzenden des Bundes zur Valutakonferenz nach Bern, April 1920. Eine Denkschrift über die Valutafrage wurde vom Bunde den Regierungen aller Länder überreicht (März 1920); sie erschien in englischer, französischer und spanischer Sprache.

[9] Außer den hier erwähnten und anderen Schriften noch: Die Verstaatlichung des Geldes, Buenos Aires 1892; La cuestion monetaria argentina 1898; Die Anpassung des Geldes an die Bedürfnisse modernen Verkehrs 1897; Monopol der Schweizer Nationalbank, Bern 1901; La plétora monetaria argentina, Buenos Aires 1909; Aktive Währungspolitik, 1909; Freiland 1916; Abbau des Staates, 1919; Gesells jüngstes Werk 1920 behandelt die Internationale Valutafrage.

[10] Dr. Christen, Kaufkraft des Geldes, 1915; Quantitätstheorie des Geldes, 1916; Währung, Zins u. Lohn 1917; Freiwirtschaft 1919.

[11] Frankfurth, Geldbriefe vom Silberstrom, Montevideo 1915; Blumenthal, Die Befreiung von der Geld- und Zinswirtschaft, usw. Alle diese Schriften sind erhältlich in der Schweiz durch den Schweizer Freiland-Freigeld-Bund.

[12] Anmerkung des Übersetzers. Seit der Abfassung dieses Aufsatzes hat der freiwirtschaftliche Gedanke durch die eifrigen Bemühungen Jean Barral’s auch in Frankreich Wurzel gefasst. Hierüber und über das weitere Bekanntwerden der Freiland-Freigeld-Lehre im Auslande bringt die Zeitschrift „Die Freiwirtschaft“ laufende Berichte.

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